AUS DER SCHULCHRONIK

Mit Gemeinderatsbeschluss vom 20. Juni 1913 wurde der Neubau eines Schulgebäudes in Wien XI, Kaiser-Ebersdorf, Friedhofstraße 524, beschlossen und der Bau in der Zeit vom 28. Juli 1913 bis September 1914 ausgeführt. Mit 16.September 1914, dem Beginn des Schuljahres 1914/15, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, bezogen die ersten Schüler das neue Gebäude.

Sie stammten aus der Allgemeinen Volksschule Münnichplatz 6, deren Haus gleich zu Beginn des Krieges für militärische Zwecke verwendet wurde. Oberlehrer Johann Trepulka leitete die in 13 Klassen zusammengezogenen 14 Klassen der Volksschule, während Bürgerschullehrer Richard Dumerte die provisorische Leitung der aus einer einzigen Knabenklasse mit 47 Schülern bestehenden Bürgerschule innehatte.

Ende März 1915 wird der ungefähr 3000m2 große Schulgarten unter Anleitung der Lehrer für Kartoffel und Gemüsebau nutzbar gemacht. 60 bis 100 Kinder arbeiten hier, das Saatgut stellt teils die Mag.-Abteilung 111, teils die Eltern der Schulkinder bei.

Im Juni und Juli konnten bereits die ersten Erträgnisse unseres Gartens an bedürftige Kinder verteilt werden: Erbsen, Bohnen, Kohlrüben.

Mit Beginn des Schuljahres 1919/20 wurde die 2. Klasse der Mädchenbürgerschule eingerichtet,

Der Beginn des Schuljahres 1926/27 brachte die Auflösung der im Hause befindlichen Volksschule. Das Schulhaus gehörte nun ganz der Bürgerschule mit 428 Kindern in 12 Klassen.

Dem Gesetz entsprechend, wurde zu Schulbeginn 1927 die erste Hauptschulklasse in zwei Zügen errichtet. Knaben und Mädchen sind beisammen.

Wegen großer Kälte (-28 bis -33 Grad Celsius) und Kohlennot wurden Wiens Schulen vom 18. bis 26. Februar gesperrt. Für unsere Kinder war in dieser Woche eine "Wärmeklasse" an der Volksschule Münnichplatz eingerichtet. Von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends konnten sich die Kinder dort unter Aufsicht von Lehrpersonen wärmen.

Mit 16. September 1930 ist die Hauptschule vollständig ausgebaut und zählt in 10 Klassen 349 Kinder. Die alte Bürgerschule ist verschwunden, die Bürgerschullehrer heißen jetzt Hauptschullehrer.

Die Schule wächst 1932/33 auf 15 Klassen mit zusammen 475 Kindern an.

Ihren höchsten Klassen- und Schülerstand erreichte die Schule im Schuljahr 1933/34; damals musste sogar das Lehrerzimmer in ein Klassenzimmer (für die 16. Klasse) umgewandelt werden. 517 Kinder zählte die Schule.

Wegen der starken Unruhen blieb unsere Schule vom 13. bis 18. Februar 1934 geschlossen.

In der zweiten Märzwoche 1938 wurde der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich vollzogen. Unsere Schule blieb am 12. März geschlossen. Am 14. und 15. März. Zugleich belegten rund 400 Mann bayrischer Truppen alle Räume des Schulhauses bis auf die Kanzlei. Direktor und Lehrer hatten am 18. oder 19. März - also noch lange vor der "Volksabstimmung" - den Diensteid auf den "Führer" abzulegen. Erst nachdem das Militär unser Schulhaus am 28. März geräumt hatte, konnte der Unterricht ab 30. März wieder aufgenommen werden.

Über die Schuljahre der nationalsozialistischen Ära von 1938/39 bis 1944/45 schweigt die Chronik, weil sie aus dieser Zeit nicht mehr an der Schule ist.

Es waren die schweren Jahre des Zweiten Weltkriegs. Im letzten Kriegswinter herrschte bereits arger Mangel an Heizmaterial, der Unterricht war schon von Schulbeginn an durch fast täglichen Fliegeralarm stark gehemmt. In einigen Kellerräumen des Hauses war seit 1943 die Bedienungsmannschaft einer auf den nahen Feldern stehenden Scheinwerferbatterie untergebracht. Ehe die russische Armee von Schwechat her kam, diente das Gebäude vorübergehend als Lazarett der deutschen Wehrmacht, nach dem 6. April 1945 wurde es wochenlang vom russischen Militär besetzt gehalten. Von direkten Bombentreffern war das Schulhaus verschont geblieben; immerhin waren durch Luftdruck und Geschosssplitter etwa 300 Fensterscheiben in Trümmer gegangen, das Dach durchlöchert die Innenräume durch die Besatzung ziemlich mitgenommen und die Lehrmittelsammlungen gelichtet. Im Auftrag der Polizei mussten im Mai 1945 ungefähr 10 Nationalsozialisten, meist Frauen, die Reinigungs- und Aufräumungsarbeiten vor der Schuleröffnung besorgen. Am 22. Mai konnte der Unterricht wieder aufgenommen werden.

Da die benachbarten Volksschulen Münnichplatz und Kaiser-Ebersdorfer Straße von Bomben vollständig zerstört worden waren, mussten die Kinder dieser Schulen in unserem Schulgebäude Aufnahme finden. Es wurde Wechselunterricht gehalten. Der Ferienbeginn wurde bis 4. August hinausgeschoben, sodass die Kinder doch noch 10 Wochen Unterricht erhalten konnten.

 

Mit rund 140 Kindern in vier gemischten Klassen beginnt am 10. September 1945 das neue Schuljahr. Der Unterricht in Leibesübungen war in der kalten Jahreszeit wegen der zerbrochenen Fensterscheiben im Turnsaal nicht möglich, der Knabenhandarbeitsunterricht infolge des Fehlens von Werkzeug und Material schwer behindert. Seit November 1945 gab es im Festsaal der Schule eine Schülerausspeisung; ausländische Hilfsorganisationen stellten die Lebensmittel bei.

Da die Klassenzimmer morgens sehr niedrige Temperaturen zeigten, nicht selten bloß 0 Grad, mitunter sogar noch weniger, begann der Unterricht im Jänner, Februar und März erst um 9 oder 10 Uhr.

Zur Linderung der Lebensmittelnot wurde wie im Ersten Weltkrieg ein Schulgemüsegarten angelegt, den hauptsächlich sachkundige Gärtnerkinder betreuten. Die männlichen Mitglieder des Lehrkörpers halfen während des ganzen Schuljahres zusammen, um die notwendigsten Fensterverkleidungen mit Pappe und Holzleisten durchzuführen. Auch Lehrmittel verschiedener Art wurden geborgen und ausgebessert. Aus einem riesigen, arg verschmutzten Bücherhaufen im Keller wurde eine große Anzahl Werke für die Lehrer- und Schülerbücherei ausgeklaubt und gesäubert.

In das Schuljahr 1946/47 fiel eine große Kälteperiode, sodass vom 7. Jänner bis 2. März 1947 wegen Brennstoffmangels Kälteferien eingeschaltet werden mussten. Ab 22.Jänner wurde ein Notunterricht eingeführt. Die Kinder kamen an den folgenden 10 Tagen nur auf eine Stunde vor der Ausspeisung zur Schule, ab 3. Februar musste selbst dieser Notunterricht wegen der argen Kälte (-20 Grad Celsius) und starker Schneefälle auf Mittwoch und Samstag (je 1/2 Stunde) weiter eingeschränkt werden. In den Klassen wurden Deutsch- und Rechenaufgaben gegeben, daheim gemacht und schließlich von den Lehrkräften korrigiert. Mitte Februar 1947 waren die meisten Wege für die Kinder wegen der Schneemassen ungangbar geworden. Auf dem "Schulweg" zwischen Haeckelplatz und Simmeringer Hauptstraße waren zu beiden Seiten übermannshohe Schneewächten aufgetürmt, das Lastauto der Schülerausspeisung musste einige Tage in der Thürnlhofstraße haltmachen, weil die Zufahrt zur Schule unmöglich war. Zweimal musste diese Straße von Lehrern und Schülern und zweimal von einem Motorpflug freigelegt werden; am Aschermittwoch, dem 19. Februar 1947, und darauffolgenden Samstag, 22. Februar, beteiligte sich der gesamte Lehrkörper an der Schneesäuberung rund um das Schulhaus. Erst am 3. März konnte der Unterricht nach zehnwöchiger Unterbrechung wieder aufgenommen werden. Bis Ostern musste jeder Samstag schulfrei bleiben, damit Heizmaterial gespart würde.

Im Jahre 1954 wurde statt der Dampfheizung eine Warmwasserheizung eingerichtet. Am 1. Juni 1955 begann die Innenrenovierung des Schulhauses, das schon seit ungefähr 18 Jahren nicht mehr ausgemalt worden war.

Hier ist die Chronik zu Ende, aber nur vorläufig; denn die Zeit bleibt nicht stehen, und was heute noch Zukunft ist, muss, Vergangenheit geworden, auch hinein. Möge es nur Gutes und Schönes sein.

       

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